Es gehört nicht zu den Aufgaben des Arztes, theologische Aussagen über den Wahrheitsgehalt von Glaubenspunkten zu machen.
Er kann aber durchaus die Realisierung des persönlichen Glaubenslebens
durch den einzelnen oder auch Gruppierungen von Menschen
auf Kriterien der Gesundheit und Krankheit hin prüfen.
Theoretisch ist zwar die Entwicklung des Glaubenslebens ein innerseelischer und individueller Prozess -
praktisch aber spielen dabei äußere Umstände -
vor allem das Vorbild und Beispiel anderer Menschen ebenso eine entscheidende Rolle.
So ergibt es sich dann auch folgerichtig,
dass der einzelne hinsichtlich des Glaubenslebens und religiösen Verhaltens
nicht nur und ausschließlich für sich selbst Verantwortung trägt,
sondern bis zu einem gewissen Grad auch für die Auswirkungen seines Verhaltens auf andere.
Die Verkündigung falscher Glaubenslehren wie die vom ewig brennenden Höllenfeuer
und endlosen Qualen der verlorenen Seelen etwa,
welche ein Zerrbild von Gottes Wesen liefern ,
können sich auf empfindsame Gemüter durchaus verheerend auswirken.
Ebenso jener Absolutheitsanspruch, welcher in der Regel von einer elitären Priesterklasse ausgeübt wird,
die ihren Herrschaftsanspruch festigen will und behauptet,
einzig wahrer Sprecher und Vermittler
eines Gottes zu sein, der in ihren eigenen Schriften festgehalten
und in einem heiligen Schrein eingesperrt ist.
Die gesunde Entwicklung des Verstandes, die angeborene kindliche Neugier,
das Stellen berechtigter Fragen und die Ausformung einer eigenen Überzeugung werden dabei unterdrückt
und die Entstehung von Angst- und Zwangsneurosen, Depressionen und Schuldgefühlen in einer Art und Weise gefördert,
welche wiederum die Abhängigkeit von eben dieser elitären Priesterklasse fördert.
Der elementare Grundgedanke des allgemeinen Priestertums, wie ihn der Protestantismus zutage gebracht hat,
die in den Augen besagter Priesterklasse unglaublich anmaßende Idee,
dass alle Menschen gleich sein könnten, gleiche Rechte und Pflichten hätten -
dass es so etwas wie einen Unterschied zwischen Klerus, Adel und dem Rest der Welt gar nicht geben könne
und eine "Regierung ohne König" sowie eine "Kirche ohne Papst" tatsächlich möglich wäre -
wie die Grundidee Amerikas einmal gelautet hat-
dieser Gedanke allein schon erzeugt Panik in den Reihen derer,
welche felsenfest davon überzeugt sind,
als alleinige Vertreter Gottes auf Erden einer anderen Sorte von Mensch anzugehören -
nämlich dem sogenannten "Klerus" - auch "Geistlichkeit" genannt.
Demgegenüber stünden angeblich die sogenannten "Laien" - das Volk - oder die "Nicht-Geistlichen".
In dieser Glaubenswelt kam es zu
Judenverfolgung, Rassenfanatismus und bestialisch geführten Religionskriegen.
Hexen wurden verbrannt und Ketzer zu Tode gefoltert
in der festen Überzeugung damit Gutes und Gott Wohlgefälliges zu tun.
Das befreiende Erlebnis der Gnadenbotschaft,
dass dieser Jesus nämlich gekommen sei,
um allen Menschen Frieden und Versöhnung mit dem Himmel zu bringen
und dass alle, welche diese Botschaft im Vertrauen auf sein Wort annehmen auch zu Priestern berufen sind-
wurde ersetzt durch die besessene Furcht vor einem Fehler, wie er in den Gesetzen des Klerus festgeschrieben ist.
Man muss also unterscheiden zwischen Leben und Botschaft des historischen Jesus
und den Theologien, welche sich sofort auslegend seiner bemächtigen.
Während die durchaus ungesunden Abweichungen der sogenannten Christenheit
von Leben und Botschaft ihres angeblichen Vorbildes Menschen bisweilen fast in den Wahnsinn getrieben haben
ist wahres Christentum weit davon entfernt eine Ursache des Irrsinns zu sein
und wirkt wundersam beruhigend auf ein überreiztes Nervensystem.
Aus ärztlicher Sicht kann man nur festhalten:
Eine Religion, welche krank macht, kann nicht die wahre Religion sein.
Nur eine Religion die gesund macht kann eine Religon sein, welche Erlösung bringt.
Doch welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang
das zweifellos vorhandene Leid,das zweifellos vorhandene Unrecht
und der zweifellos vorhandene Schmerz in dieser Welt?
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